Kleine Leseprobe:

Totembucht

A. C. Greeley

Prolog
2001 Illiyardjuk Bucht – Alaska

Es gibt Legenden über Orte, die das Böse anziehen. Ob diese ehemalige Inuit-Siedlung auch dazugehörte? In dieser Nacht dachte Sarah Hillman vermehrt daran. Hier herrschte seit ihrer Ankunft Murphys Gesetz. Zumindest fand sie das. Ständig geschah etwas, das ihnen die Arbeit erschwerte. Sarah sah von ihrem Bildschirm auf. Behutsam nahm sie die Kopfhörer ab und lauschte unwillkürlich in die Stille. Das Holzhaus knirschte unter den starken Windböen. Der Sturm tobte seit Stunden, ansonsten war kein Laut zu hören.
Sarah war eigentlich Realistin, hatte keine blühende Phantasie, sondern interessierte sich ausschließlich für Fakten. Doch die in der Gegend beheimateten Inuit hatten ihre Geschichten – ihre ganz eigenen Fakten.
maiksuk – schlecht … nannten sie das Dorf.  Ein unheilvoller Ort.
Ihre eindringliche Warnung, das Dorf zu verlassen, hallte noch immer in Sarahs Kopf nach. Als schlecht, hatte auch der Arzt, der hier eine Zeitlang eine Praxis betrieb, die Gegend bezeichnet. Weitere Erklärungen hatte Sarah nicht gefunden, aber die beiden Männer hätten sich sowieso nicht von diesem Abenteuer distanziert. Dennoch … Sarah war nicht besonders überzeugt davon, dass sie das Richtige getan hatten. Seit Jahren lief in dieser Gegend etwas schief, also weshalb sollten ausgerechnet sie etwas daran ändern?
Solch menschenleere Orte hatten etwas Beklemmendes. Etwas, das schwer zu beschreiben war. Keinem blieb verborgen, dass diejenigen, die einst hier gelebt hatten, nie wieder zurückkehren würden. Die in der Nähe ansässigen Eskimo waren keine Freunde von Fremden. Der Ort war geheimnisumwittert. Seltsame Geschichten rankten sich um die Halbinsel. Angeblich waren hier im Jahre 1894 von einem Tag auf den anderen sämtliche Inuit-Kinder aus einer alten Siedlung verschwunden. Spurlos …
Sarah zog ihre Strickjacke enger um die Schultern und schob ihren Sessel zurück. Da war sie wieder – diese Geschichte, die sie nicht aus ihrem Kopf brachte. Dabei lag das lange zurück. Später hatte man Kupfer entdeckt und aus der alten Inuit-Siedlung in der Illiyardjuk Bucht war eine lebhafte Stadt voller Kupferschürfer geworden. Natürlich hatte dieses Vergnügen, genau wie in den vielen Goldgräber-Städten nicht lange angehalten. Im Jahre 1932 war es mit dem Boom vorbei gewesen. Viele Menschen zogen weiter, Einige wenige blieben. Kaum hatte sich die Stadt ein bisschen von der Vergangenheit erholt, verschwanden erneut Kinder aus dem örtlichen Waisenhaus. Doch in den Fünfzigern dachte niemand mehr an die alten Geschichten. Keiner fragte sich, was 1894 geschehen war. Die Kinder wurden niemals gefunden. Danach zogen auch die letzten Bewohner davon, bis die Stadt einsam und verlassen zurückgelassen wurde. Erst viel später waren die Touristen gekommen, bis auch die ausblieben, und die Halbinsel erneut sich selbst überlassen wurde. Erst in den Achtzigerjahren hatten einige wild entschlossene Menschen, so wie sie, versucht, die acht Häuser, die noch übrig waren, herzurichten. Aus irgendwelchen Gründen hatten sie nicht durchgehalten. Vielleicht war ihnen auch nur das Geld ausgegangen, oder die dunklen Nächte hatten sie vertrieben? Alles war möglich hier in der einsamen Wildnis der Alaska-Halbinsel. Die Liste der Personen, die versucht hatten, die Geisterstadt wieder flottzukriegen, war lang. Es rankten sich so und so schon genügend komische Geschichten um diese Gegend. Doch die Aussicht, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, war derart reizvoll, dass auch Sarah sich überreden ließ, durchzuhalten.
Seit sie vor wenigen Wochen hierhergekommen waren, hatte sich einiges geändert. Der anfängliche Enthusiasmus hatte sich in Gereiztheit und Rastlosigkeit verwandelt. Nicht zuletzt gaben sie dem Wetter die Schuld, doch eigentlich lag es an der Gesamtsituation. Die Geisterstadt machte ihnen schwer zu schaffen. Sie waren hergekommen, um die paar Häuser zu renovieren, sie wieder passabel für Besucher herzurichten, mit einem Restaurant, einer Pension und einem kleinen, netten Souvenir-Laden. Doch es hatte sich als schwieriger erwiesen, als erwartet. Bei Problemen mussten sie selbst eine Lösung finden. Sie konnten niemanden anrufen, der ihnen zu Hilfe eilte. Das wichtige Boot kam nur alle fünf bis sieben Tage und dann auch nur, wenn das Wetter mitspielte. Und die hier lebenden Eskimo kümmerten sich nicht um sie, wollten nichts mit ihren zu tun haben. Die meisten von ihnen waren Fischer und Jäger. Sie planten ihren Tag nicht, sie lebten mit dem Wetter, hatten sich angepasst. Etwas, das, wie Sarah sich eingestehen musste, ihnen wohl nie gelingen würde.
Tage und Wochen haben keine Struktur für die Inuit. Das sicherte ihr Leben wohl auch seit 4500 Jahren. Sie arbeiteten, wenn sie wollten – wenn das Wetter es zuließ, nicht, weil sie mussten, aßen, wenn sie Hunger hatten. Wenn es stark regnete oder schneite, blieben sie einfach zuhause.
Sie seufzte schwer. Lucy, ihre Freundin, und nebenbei die Freundin von Brad, fehlte ihr. Mit Lucy hätte sie über alles reden können. Über ihre Zweifel, ihre Ängste – einfach über alles. Gott sei Dank würde sie in wenigen Tagen nachkommen. Darauf freute Sarah sich schon. Alleine unter Männern zu sein, war nicht so aufregend, wie man dachte.
Wo blieben Tom und Brad überhaupt so lange? Sarah lockerte ihre verspannten Schultern und warf einen Blick auf die Uhr. Sie sollten längst wieder hier sein.
Nach der gewohnten, eiskalten Stille der letzten Tage war der Sturm derart rasch über die Bucht hereingebrochen, dass Sarah keine Zeit gehabt hatte, die Männer zu benachrichtigen. Vielleicht hätte sie ihnen gleich nach der Sturmwarnung des alten Inuk Bescheid geben sollen, doch die beiden hätten das sowieso belächelt, außerdem war Sarah ganz froh darüber, mal allein im alten Arzthaus zu sein. So konnte sie endlich die Buchhaltung fertigstellen. Tom wollte im ehemaligen Kinderheim die Fenster abdichten und Brad ihm dabei helfen. Sie hatten sich garantiert dort verschanzt und warteten den Ausgang des Sturmes ab.
Eine weitere Sturmböe fuhr gegen die Hauswand und riss Sarah aus ihren Gedanken. Sofort drängte sie die Sorge um die beiden Männer wieder in den Vordergrund. Hoffentlich war ihnen nichts passiert. Es war gefährlich, bei einem solchen Wetter im Freien zu sein.
Ein unheilvoller Ort … dachte sie wieder. Das hier ist nichts für uns. Wir gehören nicht hierher.
Wie zur Bestätigung erzitterte das Haus erneut unter den tosenden Sturmböen. Die Scheiben klirrten und Sarah zuckte zusammen. Hoffentlich hielt das Haus diesem Sturm stand.
Das plötzliche Gefühl, beobachtet zu werden, veranlasste sie dazu, sich zum Fenster umzudrehen. Sie spähte in die dunkle Nacht, erkannte aber nur ihr eigenes Spiegelbild. Es ließ sie jünger und verängstigter erscheinen. Das bin gar nicht ich, dachte Sarah.
Warum stellte sie sich bloß so an? Da draußen war niemand. Ihre Freunde würden sie bei dem Wetter sicher nicht durch das Fenster beobachten. Niemand würde das tun. Außer – die Einheimischen vielleicht?
Hatte sie die Außentür eigentlich versperrt?
Irritiert schüttelte sie den Kopf. Sie musste aufhören, ständig so zu denken. Die Eskimo hockten um diese Zeit zuhause. Sie lebten alle mit den Witterungen und passten sich an, und sie mieden diesen Ort – mieden sie. Hielten sie womöglich doch die Legenden fern?
Nein, das war Blödsinn! Sarah gab sich einen Ruck und schaltete den Computer aus. Als der Bildschirm schwarz wurde, sank das Zimmer in diffuse Dunkelheit. Nur ein zarter Lichtstrahl aus dem Vorraum erreichte das Viereck der Tür und malte einen dünnen Streifen auf den Holzboden. Ein Windstoß fegte ums Haus und ließ die Holzwände erzittern. Ehe Sarah den Raum verließ, wandte sich noch einmal zum Fenster – und erstarrte.
Ein Kind stand davor und stierte sie an. Unbeweglich, wie eingefroren.
Die Augen zu Schlitzen verengt, das Kinn gesenkt, den Körper angespannt, starrte es Sarah an. Fassungslos betrachtete sie das schmale Gesicht. Das Kind sah wütend aus – als gäbe es Sarah die Schuld für irgendetwas.
Hastig wich sie vom Fenster zurück. Nein, das konnte nicht sein. In einem solchen Sturm konnte sie unmöglich solche Details erkennen. Außerdem trug das Kind einen Anorak und hatte die Kapuze über den Kopf gezogen. Etwas stimmte hier nicht. Wieso hatte sie überhaupt Angst? Sie sollte sich eher Gedanken darüber machen, was ein Kind mitten in der Nacht und bei einem solchen Wetter überhaupt hier suchte.
Sie fasste sich ein Herz und trat aus dem Lichtstreifen zurück ans Fenster.
Scheinbar hatte das Schneegestöber nachgelassen. Der Boden draußen war bereits mit einer weißen Schicht bedeckt, weshalb sie die schmächtige Gestalt besser erkennen konnte. Natürlich! Ihre Augen hatten ihr einfach einen Streich gespielt.
Nun wirkte das Kind eher wie ein Bild des Jammers. Die Arme hingen am schmalen Körper herab und der Kopf war gesenkt. Wie hätte sie sich bloß einbilden können, dass dieses arme Wesen wütend ausgesehen hatte? Daran war nur diese Geisterstadt schuld! Die würde sie noch in den Wahnsinn treiben. Vielleicht sollte sie besser rausgehen, und das Kind ansprechen. Es könnte aus der Inuit-Siedlung etwa zwei Meilen von hier stammen. Sarah wusste, dass sich nicht alle Einheimischen um ihre Kinder kümmerten. Sie wusste von den Säufern – von den Vätern und auch Müttern, die ihre Kinder misshandelten. Womöglich hatte dieses Kind sich verirrt und suchte hier im alten Dorf Hilfe?
Nein! Sarah schüttelte entschieden den Kopf. Wieso überlegte sie so lange? Es brauchte bestimmt Hilfe. Es war mitten in der Nacht und ein Schneesturm tobte! Außerdem gab es da draußen irgendwo Eisbären – und sie wusste, was das bedeutete.
Obwohl eine innere Stimme Sarah davor warnte, entschied sie, das Kind ins Warme zu holen. Kurzentschlossen eilte sie in den Vorraum und zog sich die dicke Daunenjacke über. In Gedanken bereits nach ein paar Inuit-Worten kramend, wickelte sie sich hastig einen Schal um den Kopf und schlüpfte in dicke Stiefel. Als sie die Tür aufschob, atmete sie noch einmal tief durch. Zum letzten Mal trat sie hinaus in das Schneegestöber …

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